Aus der Infomationbroschüre des Bundesverbandes
für die Rehabilitation der Aphasiker e.V. (BRA, Würzburg)

Aphasie - was ist denn das?


"Die Sprache zu verlieren ist genau so grausam wie eine Isolationshaft. Sich nicht mehr mit eigenen Worten verständigen zu können, berührt die persönliche Würde",

so beschrieb der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog die Situation eines Aphasikers in seinem Grußwort anläßlich des 3. Internationalen Aphasie-Kongresses in Würzburg 1986.

Plötzlich aufzuwachen und nicht mehr sprechen zu können ist die schreckliche Erfahrung, die ein Aphasiker durchmacht. Sie kommen ins Krankenzimmer und möchten mit Ihrem Angehörigen bzw. dem neuen Patienten reden. Aber Sie erhalten keine verständliche Antwort. Ihr Angehöriger/Patient schaut Sie an, versucht Worte zu formen. deutet mit den Händen und bringt unverständliche Laute hervor. Was ist passiert?Ihr Angehöriger / Patient hat eine Aphasie.Nach Einschätzungen der Aphasikerbewegung sind in der Bundesrepublik Deutschland rund 400.000 Menschen von Aphasie betroffen. Mindestens ebenso stark wie die Aphasiker selbst sind die Familienangehörigen betroffen, denn das ganze soziale Umfeld muß sich der Veränderung stellen. Gerade direkt nach dem Ereignis stehen die Angehörigen und Fachkräfte. Die bisher nichts mit Aphasie zu tun harten, der neuen Situation oft hilflos gegenüber.Definition und UrsachenAphasie ist eine erworbene Sprachstörung, die nach einer Schädigung der linken Gehirnhälfte auftreten kann.

Ursache solch einer Schädigung ist in vielen Fallen ein Schlaganfall. Andere mögliche Ursachen sind Hirnblutungen. Hirntumore, entzündliche Prozesse im Gehirn oder Schädel-Hirn-Verletzungen (etwa nach einem Unfall).

Das Wort "Aphasie" ist ein medizinischer Fachbegriff und bedeutet "Verlust der Sprache".

Aphasie bedeutet aber nicht unbedingt totaler Sprachverlust. Je nach Ausmaß und Lokalisation der Schädigung tritt die Sprachstörung Aphasie in unterschiedlicher Art und in unterschiedlichem Schweregrad auf.

Aphasie hat nichts mit geistiger Behinderung oder psychischer Störung zu tun. Aphasie verändert die sprachliche Kommunikationsfähigkeit, die Denkfähigkeit ist nicht beeinträchtigt.

Welche sprachlichen Bereiche sind von der Aphasie betroffen?

Betroffene FunktionsbereicheSprachproduktion und Sprachverständnis sind gestört, aber auch damit verbundene Bereiche wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Gestik und Mimik können unterschiedlich stark betroffen sein.

Sprachproduktion

Viele Aphasiker haben Mühe sich spontan zu äußern, wenn sie angesprochen werden und antworten wollen. Manche Aphasiker sprechen nur Silben, die sie aneinanderreihen, andere sprechen sehr langsam und es gelingt ihnen nur mit Muhe, Wörter zu bilden. Wieder andere finden die passenden Wörter nicht. Dagegen gibt es Aphasiker, die flüssig sprechen, oft sogar überschießend, die dabei Laute und Wörter verwechseln. Grammatikalische Fehler und Fehler im Satzbau sind sehr häufig.
Es kann vorkommen, daß Aphasiker etwas ganz anderes sagen, als gewollt war. Viele Aphasiker verwechselt inhaltlich ähnliche Wörter wie "rechts" und "links" oder "Ja'' und "nein". Manche Patienten äußern sich gegen ihre Absicht immer wieder mit denselben Lauten oder Wörtern, ohne dies verhindern zu können.

Sprachverständnis

Aphasiker haben häufig Schwierigkeiten gesprochene und geschriebene Sprache zu verstehen. Viele Aphasiker können einem Gespräch nicht gut folgen oder verstehen bestimmte Äußerungen falsch, besonders dann, wenn sehr schnell gesprochen wird oder wenn mehrere Personen am Gespräch beteiligt sind.

Lesen

Zahlreiche Aphasiker verlieren ihre Lesefähigkeit ganz andere teilweise. Aber selbst bei schweren Lesestörungen können manchmal gut bekannte Wörter gelesen werden. Oft werden gelesene Wörter mit sinnverwandten Wörtern verwechselt, ein Aphasiker liest statt "Jacke" z.B. "Mantel". Manche Aphasiker können einzelne Wörter und Sätze lesen, aber deren Bedeutung nicht verstehen. Schreiben

Die Fähigkeit zu schreiben ist oft im gleichen Maße und auf die gleiche Weise betroffen wie die Sprachfähigkeit. Umgang mit Zahlen

Bei vielen Aphasikern ist die Fähigkeit mit Zahlen umzugehen beeinträchtigt. Zahlen zu nennen, zu schreiben, zu lesen oder mit ihnen zu rechnen kann sich problematisch gestalten. Gestik und Mimik

Auch Gestik und Mimik können gestört sein. Dann entsprechen Handbewegungen und Gesichtsausdruck nicht dem. was die Betroffenen eigentlich ausdrücken möchten.

Zusätzlich zur Aphasie auftretende Symptome

Wenn nicht nur das Sprachzentrum geschädigt ist können unter anderem folgende Begleiterscheinungen und Störungen auftreten.

Lähmungen

einer Körperseite (Hemiplegie), meist rechts, häufig vom Ausfall des rechten Gesichtsfeldes begleitet.

Sehbehinderungen

Gesichtsfeldeinschränkungen können einseitig oder beidseitig auftreten (Hemianopsie).

Störungen der Körperwahrnehmung

Berührungen, Temperaturunterschiede und Schmerzen werden zum Teil schlecht oder verfälscht wahrgenommen (Dysästhesien). Die Körperwahrnehmung kann soweit beeinträchtigt sein, daß die gelähmte Seite gar nicht mehr registriert wird (Neglect).

Störungen der Sprechmotorik

Umschriebene neurologische Ausfalle im Bereich der Sprechwerkzeuge, die sich auf Artikulation, Sprechrhythmus, Sprechmelodie und Klang der Stimme auswirken (Dysarthrie).

Störungen der Bewegungskoordination

Die Planung von Bewegungen und Handlungsabläufen kann so beeinträchtigt sein, daß bestimmte Handlungen nicht durchgeführt werden können (Apraxie, Ataxie).

Konzentrationsstörungen und Merkfähigkeit

Oft treten plötzliche Konzentrationseinbrüche auf. Es fällt den Betroffenen schwer, sich über längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Auch die Merkfähigkeit kann beeinträchtigt sein. Aphasiker ermüden leichter.

Gefühlsschwankungen und Reizbarkeit

Gefühle können oft schlechter kontrolliert werden. Gefühlsausbrüche wie Arger oder Trauer werden spontaner geäußert. Auch können vermehrt depressive Verstimmungen auftreten.

Störungen des Antriebs

Aphasiker haben Schwierigkeiten, selbst aktiv zu werden und wie gewohnt die Initiative zu ergreifen. Sie geraten leicht in eine passive Zuschauerrolle.

Krampfanfälle

Krampfanfälle können direkt vor dem Ereignis, während oder kurz nach einer Hirnschädigung auftreten.

 
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