Erfahrungsbericht eines Aphasikers



Vergraben und verschüttet sind meine Worte !

Rezensionen

Erschienen im Schlaganfall-Magazin 3/97



         

Uwe Grefe hat seine Erfahrungen als Schlaganfall-Opfer veröffentlicht

"lch möchte allen, die mein Schicksal teilen, Mut machen."


Eine Rechenaufgabe steht auf der Vorderseite des Buches, das Uwe Grefe in der Hand hält: 3 + 4 = 8. Heute weiß der 42 jährige natürlich, daß das Ergebnis falsch ist. Vor einigen Jahren konnte er jedoch nicht einmal die einfachsten mathematischen Aufgaben lösen. Denn nach einer Hirnblutung, die ihn von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben riß, war er halbseitig gelähmt und hatte nicht nur die Sprache, sondern auch die Fähigkeit zu schreiben und zu rechnen komplett verloren.

Seine Erfahrungen im Krankenhaus und während der Rehabilitation hat er in dem Buch "3 + 4 = 8 - Vergraben und verschüttet sind meine Worte" niedergeschrieben - für sich selbst, aber auch für die vielen anderen, die Schicksal teilen.

Es geschah am 4. August 1989, als Uwe Grefe - damals 34 Jahre alt - unter der Dusche stand. Plötzlich konnte er seine Arme und Beine nicht mehr spüren. Kurz nachdem der Arzt zu Hause eingetroffen war, fiel Uwe Grefe ins Koma. Noch am selben Tag wurde er wegen einer Hirnblutung am Kopf operiert. Als er nach einigen Tagen wieder aufwachte wachte, konnte er seine recht Körperhälfte nicht mehr bewegen. "Aber was viel schlimmer war, ich konnte nicht mehr sprechen. Ich konnte klar denken, aber über Lippen kam nur unverständliches Zeug", erinnert er sich als sei es erst gestern gewesen.

Mühevoll und über Monate und Jahre hinweg lernte er nicht nur das Gehen, sondern auch das Sprechen wieder neu. Im Winter 1990/91 während eines Reha-Urlaubes über Weihnachten - und aus einer Art Langeweile heraus wie er sagt - begann er dann damit seine Krankengeschichte aufzuschreiben. Die ersten Aufzeichnungen waren noch bruchstückhaft und mit vielen Schreibfehlern. Weil es ihn so sehr anstrengte, konnte er nur wenige Minuten am Tag schreiben. "Was in den ersten vier Wochen nach der Operation geschah, daran habe ich keine Erinnerungen mehr. Deshalb basieren die ersten Notizen auf den Erzählungen meiner Ehefrau. Alles andere habe ich beim Schreiben noch einmal neu erlebt und durchlebt." erzählt Uwe Grefe. So ließ er alles noch einmal Revue passieren - nicht nur die Fortschritte, sondern auch die Phasen tiefen Depression. "Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut wenn ich an meinen behandelnden Arzt im Krankenhaus denke. Ich wollte nicht mehr leben. Ich war doch ein Krüppel. Mein Arm und das Bein funktionierten nicht Mehr ich konnte nicht mehr sprechen. Er aber hat mich aufgebaut mir gesagt daß ich abwarten muß, daß es ach bestimmt bessert Er hat fast zwei Stunden auf mich eingeredet. Das hat mir Mut gemacht." Anderen Betroffenen ein Stück dieser Zuversicht weiterzugeben, die er damals erlebt hat und die sein Leben bis heute bestimmt, das ist seiner Meinung nach der Grund, warum aus den persönlichen Aufzeichnungen ein Buch entstanden ist: "Es kann jeden treffen. Da ich selbst Aphasiker bin, kann ich andere Schlaganfall-Patienten sehr gut verstehen. Ich kann mich in ihre Lage versetzen und möchte ihnen mit meinem Buch Mut machen und helfen." Obwohl er selbst fast wieder normal sprechen kann, passiert es ihm auch heute noch, daß Leute am Telefon denken er sei betrunken. "Das ist nur eine der negativen Erfahrungen, die jeder Aphasiker tagtäglich macht. Da muß man einfach darüberstehen und es verdrängen. Man kann und muß damit leben."

Von den ersten Aufzeichnungen bis zum fertigen Buch verging jedoch eine geraume Zeit. Fünf Jahre lang schrieb Uwe Grefe seine Erinnerungen, Erfahrungen und seine Therapiefortschritte nieder. Noch einmal 1 1/2 Jahre dauerte es dann, bis er einen Verlag gefunden hatte Dabei spielen Glück und Zufall die entscheidende Rolle. Denn Uwe Grefe Sprachtherapeut kannte den Verleger Jürgen Steiner der sich unter anderem auf Fachliteratur zum Thema "Sprachstörungen" spezialisiert hat Immer wieder drängte der Therapeut ihn: "Dieser Erfahrungsbericht muß unbedingt veröffentlicht werden."Schließlich hielt Uwe Grefe im Januar dieses Jahres die ersten druckfrischen Exemplare in den Händen.

Seitdem bekommt er von Lesern immer wieder anerkennende Anrufe oder Briefe. Aber nicht nur bei anderen Aphasikern, sondern auch in Fachkreisen hat sein Buch bereits viel Aufsehen erregt Besonders überrascht hat Uwe Grefe das Interesse auf Kongressen und Veranstaltungen an Universitäten zu denen er eingeladen wird. "Dort lese ich ausgewählte Passagen des Buches. Anschließend fragen mir die Teilnehmer fast ein Loch in den Bauch: "Erzählen Sie doch mal wie war das für Sie genau, so ohne Sprache Wie haben Sie sich verständlich gemacht Konnten Sie alles mitbekommen."Ich bekomme nur positive Resonanz. Ein so großes Interesse habe ich mir nicht träumen lassen. Es macht mich wirklich stolz, daß ich es geschafft habe, mein eigenes Buch herauszugeben und so erfolgreich zu sein; trotz meiner Krankheit."

Das Titelbild das Uwe Grefe für sein Buch ausgewählt hat, stammt ebenfalls von einem Aphasiker:

"Es hat viel mit mir zu tun. Der einsame Mann auf dem Boot und im Hintergrund der dunkle Himmel mit dem in der Ferne leuchtenden Mond. Sicherlich im Leben gibt es immer dunkle Wolken, aber es gibt auch immer einen Lichtblick."

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